Von Saumpfaden und säumigen Habsburgern
Eine kleine Arlberger Mobilitätsgeschichte
Was war am Arlberg los, bevor Skifahrer ihre ersten Schwünge zogen und immer mehr unternehmungslustige Touristen hier einkehrten? Eine kleine Arlberger Mobilitätsgeschichte in vielen Kurven und Kehren ...
Frühe Route über den Pass
Bereits in der Bronzezeit führte ein Saumpfad über den vergleichsweise niedrigen Arlbergpass (1793 m), ein befahrbarer Weg wird bereits im 14. Jahrhundert erwähnt. Panorama-Sightseeing war das allerdings nicht, die Strecke war von Erdrutschen und Lawinen bedroht und im Winter nahezu unpassierbar. Weil sich dennoch viele Menschen über den Pass kämpften, errichtete Heinrich Findelkind 1386 eine lebensrettende Herberge. Er war damit Gründer des Arlberg Hospizes und der Bruderschaft St. Christoph.
Umwege über den Fernpass
Im 15. Jahrhundert verfiel die Straße über den Arlberg, die Händler nahmen weite Umwege über den Fernpass. Schlechte Verkehrspolitik?
Eher anderweitige Interessen: Die Allgäuer hielten wegen der Wirtschaftlichkeit den Verkehr im Alpenvorland und die Habsburger bevorzugten aus militärischen Gründen eine unwegsame Westgrenze Tirols. Im 18. Jahrhundert ließ sich die Mobilitätsentwicklung nicht mehr bremsen: Bozner Handelsleute bauten die Josephinische Straße über den Arlbergpass, die 1787 eröffnet wurde. Ein Jahrhundert später führten Schienen in die Zukunft: Das Eisenbahnzeitalter war angebrochen!
Mit Volldampf in die neue Ära
Die Eröffnung der Semmeringbahn 1854 zeigte, dass eine Gebirgsbahn realistisch wäre, schließlich wurden die kühnen Pläne für die Strecke Landeck–Bregenz und den 10.270 m langen Bahntunnel bewilligt. Der österreichische Kaiser Franz Joseph I., ein begeisterter Bahnfahrer der ersten Stunde, besuchte 1881 die größte Baustelle der österreichisch-ungarischen Monarchie, am 20. September 1884 befuhr er im noblen k. u. k Hofsalonzug die Arlbergbahn bis Bregenz.
Bereits bei der Planung stand fest, dass die Haltestelle „St. Anton am Arlberg“ heißen werde, obwohl der Gemeindename damals noch Nasserein war. Der Bahnhof fungierte als Wasserstation für die Versorgung der Dampflokomotiven und fungierte zum Umstellen der Schiebeloks. Wegen der betrieblichen Erfordernisse Gemeinde war St. Anton am Arlberg auch Schnellzughalt.
Ein sündiges Dorf?
Die Eisenbahn verschaffte St. Anton einen Aufschwung, die Bevölkerungsstruktur änderte sich: Während des Tunnelbaus gesellten sich zu den 900 Einwohnern 2.200 Arbeiter aus allen Teilen der Monarchie. Manche sahen in dieser Entwicklung Gefahren. Der Priester von St. Jakob urteilte streng: „Für das einfache Talvolk brachte der vierjährige Tunnelbau harte Prüfungen mit sich. Für den männlichen Teil waren die Gefahren der Genußsucht, in specie die Trunksucht in den 34 Schenken und die Übertretung der Fasttage und Entheiligung der Sonntage am größten. Für den weiblichen Teil, insbesondere der Jungfrauen, war die Verführung der sittlichen Korruption äußerst groß und so hatten 13 Mädchen des Dorfes das schwere Schicksal lediger Mütter zu tragen.“
Tourismus bringt Toleranz
Mit den „Fremden“, die aus der Eisenbahn stiegen, um am Arlberg Urlaub zu machen, wurde die Gesellschaft toleranter, das verträumte Bergdorf gesellschaftsfähig: 1896 baute Carl Schuler in St. Anton das Hotel Post mit 110 Betten, Zentralheizung, elektrischem Licht, Kegelbahn und Tennisplatz.
Eine Investition, die schnell Nachahmer fand, denn durch die Skipioniere erlangte der Arlberg Weltruf, was den weiteren Straßenausbau nötig machte. 1978 wurde der Arlberg-Straßentunnel als Teil der Arlberg-Schnellstraße eröffnet. Auch er verband Orte und Zeiten und führte in eine von wirtschaftlichem Erfolg geprägte Zukunft.