Alles eine Frage des Fahrstils...
Skipionier Hannes Schneider
In den Bergen rund um St. Anton am Arlberg wurde einst jene Technik geboren, ohne die der moderne Skisport undenkbar wäre. Entstanden in der Wiege des Alpinen Skilaufs - ihr prominenter Vater war der St. Antoner Hannes Schneider. Aber was genau ist eigentlich die „Arlberg-Technik“?
Wir schreiben das frühe 20. Jahrhundert, ca. 1907. Der junge Hannes Schneider, noch ein Teenager, steht in seinem Geburtsort Stuben am Arlberg auf der Piste und gibt sein Know-how an lernwilligen Gästen weiter – welche er nach ihrem Können in Gruppen unterteilt. Sie sollen in den Kurven das Gewicht verlagern, um dann die Skier mit einem kräftigen Schwung in die gewollte Richtung zu lenken. Die Fortgeschrittenen lehrt er bei Schussfahrten die breite, geduckte Hocke (Arlberghocke), um die Geschwindigkeit zu steigern und unebenes Gelände auszugleichen. Schneiders skipädagogische Prinzipien lauten Schneepflug, Stemmbogen mit zwei Stöcken (Vorläufer des Parallelschwungs) und Stemmchristiania. Den Telemark-Stil lehnt er ab. Seine Schüler sind begeistert, sie kommen in Strömen, wollen so fahren wie er, der große Schneider. Also gründet er im Winter 1921/22 die erste eigenständige Skischule der Welt in St. Anton am Arlberg.
Skipionier als Mentor
Mit knapp zehn Jahren beobachtet Johann Baptist, später Hannes Schneider, geboren am 24. Juni 1890, die ersten Skifahrer in Stuben, darunter Viktor Sohm, Skipionier aus Dornbirn/Vorarlberg. Was er sieht, wird den Jungen prägen: Sohm experimentiert mit den aus Norwegen eingeführten Skiern und findet Gefallen daran, die Geschwindigkeit bei der Abfahrt auszukosten, anstatt sich nur im Schnee querfeldein zu bewegen. Der junge Bub lässt sich mit Bitten und Betteln von einem bekannten Schlittenbauer ein paar solcher Skier anfertigen und brettert fortan jede Piste hinunter, die er finden kann. In jene Zeit fällt auch die Gründung des Ski Club Arlberg am 3. Jänner 1901 im Hospiz St. Christoph. Unter der Führung von Rudolf Gomperz und Carl Schuler setzt der Club in den darauffolgenden Jahren wichtige Impulse zur Förderung des Skilaufs am Arlberg und so auch für die Ausbildung des jungen Skiläufers Johann Schneider. Als Schüler Sohms kommt dieser auch mit dessen Freundeskreis und jeweils aktuellen „Trends“ in Sachen Skitechnik in Berührung. Er setzt sie prompt um und entwickelt sie weiter. 1910 und 1911 gewinnt er – als bezahlter Skilehrer vom Amateurparagraphen betroffen – für die Schweiz die dortigen Skimeisterschaften in der Abfahrt.
Skilehrer und Filmstar
Zurück bzw. vorwärts in die Saison 1920/21: Parallel zum rasanten Ausbau seiner Skischule beginnt der mittlerweile zweifache Familienvater Hannes Schneider, zusammen mit dem Regisseur und Filmproduzenten Arnold Fanck das Skifahren medial auf eine bis dahin ungekannte Art und Weise populär zu machen: Fanck setzt der Arlberg-Technik seines Schauspielers Hannes Schneider mit dem Erfolgsfilm „Das Wunder des Schneeschuhs“ ein erstes filmisches Denkmal. Das gleichnamige Skilehrbuch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und gilt als Standardwerk. Es folgen sieben weitere Fanck-Filme, die größte Breitenwirkung hat der Tonfilm „Der weiße Rausch“ aus dem Jahr 1931 mit Leni Riefenstahl als Hauptdarstellerin.
Rennen mit Kultcharakter
Anlässlich eines Besuches in St. Anton lernt Sir Arnold Lunn, der britische Skiverbandspionier und unermüdliche Kämpfer um die Anerkennung der alpinen Disziplinen Abfahrt und Slalom, den „Skigott“ der 1920er-Jahre kennen: Hannes Schneider. Die beiden sind sich schnell einig: Nach einem Testrennen im Winter 1927 organisieren die Mitglieder des englischen Kandahar-Clubs und der Ski-Club Arlberg extern am 3. und 4. März 1928 einen alpinen Kombinationswettbewerb am Galzig in St. Anton – das Arlberg Kandahar, benannt nach den veranstaltenden Clubs, ist geboren. Die schnelle, kupierte 4,2 km lange Strecke flößte der damaligen Skiwelt großen Respekt ein. Am ersten Rennen nahmen 45 Läufer teil, ein Jahr später schon 130. 1930 erkannte die FIS die alpinen Skirennen offiziell an. Mürren, Chamonix, Sestriere und Garmisch-Partenkirchen folgen in den kommenden Jahrzehnten als weitere Bühnen für das prestigeträchtige Event, das maßgeblich zum internationalen Durchbruch des alpinen Skirennlaufes beitrug. Wiege – you remember?
Hannes Schneider Ski School
Um das Jahr 1930 steht Hannes Schneider am Gipfel seines Ruhmes: Er erhält 1930 vom japanischen Kronprinzen Chichibu eine Einladung nach Japan, insbesondere in den aufstrebenden Skiort Nozawa Onsen. Drei Monate lang ist der große Sohn des Arlbergs in Japan unterwegs und erläutert in Theorie & Praxis die Arlberg-Technik und die Arlbergschule. Seine Skischule zu Hause ist längst Anlaufstelle für Filmstars und gekrönte Häupter, die das Skifahren vom großen Meister persönlich erlernen wollen.
Nur das Blatt im Leben Hannes Schneiders hatte sich nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich im März 1938 gravierend gewendet. Er, der die neuen Machthaber als illegale Nationalsozialisten in seiner Skischule nicht geduldet hatte, wird verhaftet. Internationale Kontakte ermöglichen der Familie Schneider die Ausreise in die USA. Dort wird Hannes Schneider, dem sein Ruf natürlich längst vorausgeeilt war, mit dem Aufbau eines Skigebietes in North Conway (New Hampshire) beauftragt. Hannes Schneider bleibt auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in den USA, wo er am 26. April 1955 stirbt. Seine Arlberg-Technik hat ihn überlebt. Noch heute beginnt Skifahren am Arlberg, denn: wer es hier lernt, wird es überall auf der Welt beherrschen. Ganz im Sinne des Erfinders. Nicht von ungefähr lautet das Motto des regelmäßig in St. Anton stattfindenden Interski-Kongresses der Schneesportlehrer aus aller Welt: „Skiing returns home“.
Großer Sohn
Hannes Schneider ist in seinen Wirkungsstätten omnipräsent: Er ist Ehrenbürger der Gemeinden St. Anton am Arlberg und North Conway, Gedenksteine und Denkmäler finden sich bei seinem Geburtshaus Nr. 14 in Stuben, in St. Anton, Nozawa Onsen und North Conway. In drei Orten sind auch Straßen nach ihm benannt. Guten Einblick in Leben und Wirken des großen Sohnes gibt die Ausstellung im Museum St. Anton am Arlberg extern.
»Durch die Natur entzückt, durch den Sport begeistert, durchdrungen von der Notwendigkeit, am Arlberg einen bescheidenen Sammelpunkt für die Freunde dieses edlen Vergnügens zu schaffen, fühlten sich die am ex tempore beteiligten Ausflügler bewogen, den Ski-Club-Arlberg’ zu gründen!«
St. Christoph, 3. Jänner 1901 Eintrag im Gästebuch des Hospiz von SCA-Gründungsmitglied und Gemeinderat Adolf Rybizka
Ski Club Arlberg
Der Ski-Club Arlberg extern ist einer der ältesten und berühmtesten Skiclubs der Alpen. Und der mitgliederstärkste Europas mit 9.016 Mitgliedern aus 57 Ländern (Stand 2023). Im Laufe seiner mehr als 100-jährigen Geschichte konnte er wichtige Impulse für den alpinen Skisport und den Tourismus am Arlberg setzen. Unter anderem förderte der Club bereits kurz nach seiner Gründung das große Talent von Skilegende Hannes Schneider. Dieser blieb seiner sportlichen Heimat treu und war bis zu seinem Tode Ehrenmitglied. Der Club ehrt sein berühmtes Mitglied jedes Jahr mit dem traditionsreichen Hannes-Schneider-Gedächtnislauf.